Was ist ein Trauma?

Das scheint eine einfache Frage zu sein, die sich aber doch nicht so leicht beantworten lässt. Bis vor einigen Jahren war die Definition ganz klar:

„Das Wort „Trauma“ kommt aus dem griechischen und bedeutet: Wunde, Verletzung. Ohne eine Festlegung zu treffen, wodurch diese hervorgerufen wurde. In der Psychologie bezeichnet man mit dem Begriff Trauma/Psychotrauma eine starke psychische Erschütterung, welche durch ein traumatisierendes Erlebnis hervorgerufen wurde.“ (Wikipedia)

In den letzten Jahren hat sich im Bereich der Traumaforschung sehr viel getan. Es ist ein vielfältigeres und differenzierteres Bild von dem, was ein Trauma ist, entstanden.

Hier sind einige Definitionen:

  1. Ein Trauma ist ein Einbruch in die Grenzen eines Menschen, die ihn normalerweise gegen äußere Stimuli schützen. Dieser Einbruch führt zu einem überwältigenden Gefühl der Hilflosigkeit. (Freud)
  2. Traumatische Ereignisse sind außergewöhnlich. Nicht, weil sie so selten wären, sondern weil sie alle Anpassungsstrategien von Menschen, mit dem Leben fertig zu werden, überwältigen… Der gemeinsame Nenner in der Beschreibung von Trauma ist ein Gefühl von intensiver Angst, Kontrollverlust und die Angst vor Vernichtung. (Herman)
  3. Eine Traumatisierung eines Menschen findet dann statt, wenn in einer Gefahrensituation alle Stressverabeitungsmechanismen und -strategien ihren Dienst versagen, um dieser Situation zu entkommen, und die Lebensgefahr sogar noch steigt, wenn diese Stressverhaltensweisen weiterhin gezeigt werden. (Franz Ruppert)
  4. […] „Klinisch sehen wir im Kern allen krankmachenden psychischen Materials überstarke unverarbeitete negative Emotionen oder Emotionskomplexe; sie bilden in ihrer Stärke und ihren Folgen ein Kontinuum.“ […] (Rainer Plasmann)
  5. Maximale Hilflosigkeit mit minimalem Handlungsspielraum.
  6. Ein Trauma ist wie eine innere Zwangsjacke, die eine Person innerlich erstarren lässt und einen erlebten Augenblick in ihrem Gedächtnis einfriert. (P. A. Levine)
  7. Ein Trauma unterdrückt die Entfaltung des Lebens. Es unterbricht die Verbindung zu uns selbst, zu anderen Menschen, zur Natur und zu unserer geistigen Quelle. (P.A. Levine)
  8. Das Trauma steckt nicht in einem bestimmten Ereignis, sondern im Nervensystem der betroffenen Person. (P. A. Levine)

Die Bedeutung von Trauma ist inzwischen auch unter Laien sehr viel deutlicher geworden, allerdings denken die meisten Menschen immer noch an Katastrophen, Gewalt, Vergewaltigung oder schwere Unfälle, wenn sie an Trauma denken.

Diese Enge der Trauma-Definition kann man heute jedoch klar verneinen. Auch andere Ereignisse, die normalerweise nicht als Katastrophe oder Gewalterlebnis eingestuft werden, können traumatisch sein.

Wichtig erscheint eine Unterscheidung zwischen einem traumatischen Ereignis und einer Traumatisierung. Nicht jedes traumatische Ereignis führt bei jedem Menschen zu einer Traumatisierung. Es hängt viel von dem Alter, der Grundkonstitution, der bisherigen Lebenserfahrung und der gegenwärtigen Lebenssituation ab.

Sogar Ereignisse, die normalerweise niemand als traumatisch definieren würde, wie zum Beispiel ein Fahrradsturz, ein Zahnarztbesuch, eine Trennung, eine Operation oder andere Ereignisse, die Teil unseres Lebens sind, können  unter bestimmten Bedingungen traumatisch für einen Menschen sein.


Peter Levine, einer der Pioniere der körperorientierten Traumapsychotherapie hat festgestellt, dass man ein Trauma nicht an einem Ereignis festmachen kann, sondern nur an der Reaktion der Betroffenen darauf.

Deshalb hat er eine offenere Definition von Trauma geprägt:

ZU VIEL  — ZU SCHNELL  — ZU PLÖTZLICH

Für ein kleines Kind können dadurch nachvollziehbar andere Momente eine Traumatisierung auslösen, als bei Erwachsenen. Die Schutzmechanismen und gedanklichen Distanzierungsmöglichkeiten sind bei Kindern noch nicht so ausgeprägt, wie bei einem Erwachsenen, weswegen die Kriterien: zu viel- zu schnell- zu plötzlich für eine Traumatisierung schneller erfüllt sind.

Und Menschen in einem schwierigen sozialen Umfeld, wo es wenig Sicherheiten und Geborgenheit gab und gibt, reagieren auch schneller traumatisiert, als Menschen in einem gesicherten, liebevollen Umfeld.


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